"Wir haben ein spannendes Programm zusammengestellt."

Herr Professor Hochhaus, vom 19. bis zum 22. Februar 2020 findet der 34. Deutsche Krebskongress statt. Der Kongress startet unter dem Motto: informativ. innovativ, integrativ. Was sind die innovativen Themen in der Onkologie?
Prof. Dr. A. Hochhaus: Ein entscheidender Fortschritt hat bereits stattgefunden: Für die Entwicklung der Checkpoint-Inhibitoren, die gezielt das körpereigene Immunsystem dazu bringen, den Tumor zu erkennen und zu bekämpfen, wurde 2018 der Medizin-Nobelpreis verliehen. Jetzt müssen die bisherigen Erkenntnisse ausgeweitet werden: Wie kann man die Nebenwirkungen minimieren? Gibt es Patientengruppen, die besonders profitieren? Wie können wir diese Verfahren optimal mit anderen Behandlungen kombinieren? Diese Fragen stellen sich für alle derzeit bekannten Immuntherapien, die das körpereigene Immunsystem gegen Krebszellen mobilisieren: von der erst kürzlich in Deutschland zugelassenen CAR-T-Zelltherapie bis zu den schon erwähnten Checkpoint-Inhibitoren. Die Immuntherapie wird eines der Highlights auf dem Kongress sein. Darüber hinaus zeichnet sich immer mehr ab, dass die zielgerichteten Therapien, die gegen spezifische genetische Veränderungen der Krebszellen entwickelt wurden, eine breitere Anwendung finden. Das heißt, immer häufiger werden mehrere Signalübertragungshemmstoffe ohne tumorspezifisches Target eingesetzt; in der Kombination hemmen sie aber die Signalübertragung in der Krebszelle so, dass eine tumorspezifische Wirkung zustande kommt. Auch hier müssen wir die Nebenwirkungen im Blick haben.

Optimale Versorgung für alle – auch diese Forderung ist im Kongressmotto enthalten. Die Umsetzung hängt aber nicht nur von der Medizin, sondern auch vom gesundheitspolitischen Rahmen ab.
Prof. Dr. A. Hochhaus: Richtig, man kann das sehr gut an der molekulargenetischen Diagnostik sehen, die im Zuge der neuen Behandlungsmethoden immer wichtiger wird. Leider ist unser Gesundheitswesen auf diese Entwicklung nicht so richtig vorbereitet. Es fehlen einheitliche Qualitätsstandards, bedarfsgerechte Strukturen und eine bessere Erstattung. Die Kostenerstattung im stationären Bereich folgt in Deutschland anderen Regeln als im ambulanten Bereich. Dabei gehört eine geeignete Diagnostik ja eigentlich zur Erfassung des Krankheitsbilds und sollte deshalb völlig unabhängig von Sektorengrenzen von den Kostenträgern bezahlt werden. Soweit sind wir aber leider noch nicht in allen Fällen. Auch das wird auf dem Kongress ein wichtiges Thema sein.

Was kann der Kongress bewirken, um die Interdisziplinarität in der Onkologie zu fördern?
Prof. Dr. A. Hochhaus: Wer in der Onkologie erfolgreich sein will, muss interdisziplinär arbeiten. Deshalb haben wir viele Kongresssitzungen konzipiert, in denen ein Krankheitsbild aus der Sicht des Chirurgen, des Strahlentherapeuten, des Organspezialisten, des Radiologen und des Pathologen etc. beleuchtet wird. Ergänzend planen wir Sitzungen, zum Beispiel zur Immuntherapie, in denen wir mit verschiedenen Organspezialisten darüber diskutieren, wie sich diese Therapie für verschiedene Tumorentitäten anwenden lässt. Darüber hinaus simulieren wir in einigen Sitzungen die Diskussion im Tumorboard. Durch die Art, wie die Sitzungen angelegt sind, wollen wir Krankheiten in Gänze erfassen – im Mittelpunkt steht der Patient und das, was ihm nutzt.

Im Kongressprogramm gibt es auch den Schwerpunkt Junge Onkologie. Hat die Onkologie Nachwuchssorgen?
Prof. Dr. A. Hochhaus: Ja, weniger in großen Städten oder Universitätskliniken, dafür umso mehr in strukturschwachen Gebieten und in Gegenden, die beim jungen Facharztnachwuchs nicht so sonderlich beliebt sind. Wir wollen auch nicht alle Medizinstudierenden für die Onkologie abwerben; es geht vielmehr darum, frühzeitig das Verständnis für die Besonderheit onkologischer Indikationen und die Notwendigkeit der interdisziplinären Zusammenarbeit in der Krebsversorgung zu wecken. Derzeit leben geschätzt 4,5 Mio. Menschen mit der Erkrankung Krebs in Deutschland – Tendenz steigend. Je mehr Krebs zu einer chronischen Erkrankung wird, umso häufiger werden auch Allgemeinmediziner oder niedergelassene Organspezialisten mit Fragen zur Nachsorge oder zu den Spätfolgen der Krebsbehandlung konfrontiert. Und noch ein anderes Thema liegt mir am Herzen: Wir werden künftig mehr junge Ärztinnen und Ärzte brauchen, die an der Schnittstelle zwischen onkologischer Forschung und Klinik arbeiten. Das gleiche gilt übrigens auch für junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus den Lebenswissenschaften. Leider ist es für den interessierten Nachwuchs oft schwer, im Klinikalltag Zeit für die eigene Forschung aufzubringen. Welche Förderprogramme es gibt und wie man die Karriere als Forscher und Kliniker planen kann, auch darüber wollen wir auf dem Kongress sprechen.

Die Politik hat jetzt gerade die Nationale Dekade gegen Krebs ausgerufen. Spielt dieses Thema auch eine Rolle auf dem Krebskongress?
Prof. Dr. A. Hochhaus: Viele Eckpunkte für eine bessere Krebsversorgung sind ja bereits im Nationalen Krebsplan enthalten. Im Rahmen der Dekade soll jetzt die Grundlagenforschung gestärkt und ein besserer Transfer von Forschungserkenntnissen in die onkologische Versorgung bewirkt werden. Besonders die Frage nach dem raschen Forschungstransfer halte ich für entscheidend. Die Aspekte, die dabei eine Rolle spielen, werden wir auch beim Kongress diskutieren.

Zeitgleich zum DKK findet im CityCube die European Conference on Tobacco or Health statt. Wird es gemeinsame Sitzungen geben?
Prof. Dr. A. Hochhaus: Die European Conference on Tobacco or Health, kurz ECToH genannt, ist eine Veranstaltung der European Cancer League (ECL). Die Gastgeber in Deutschland sind neben der Deutschen Krebsgesellschaft die Deutschen Krebshilfe und das Aktionsbündnis Nichtrauchen. Ich freue mich sehr, dass die Wahl der ECL für diese Veranstaltung auf Berlin gefallen ist. Wir planen zwei gemeinsame Sitzungen: eine zum Thema Tabakprävention und eine zweite über neue Nikotin- und Tabakprodukte. Darüber hinaus greifen wir das Thema Prävention natürlich auch im Programm des DKK auf – ich glaube, dass es in den letzten Jahren sträflich versäumt wurde, zu untersuchen, wie man Krebsprävention besser in der Bevölkerung umsetzen kann – auch das gehört zu einer Diskussion um eine optimale Versorgung für alle.

Welche Ziele haben Sie sich für den DKK 2020 gesetzt?
Prof. Dr. A. Hochhaus: Ich möchte mit unseren Kongressthemen möglichst viele Menschen erreichen und auch den ärztlichen Nachwuchs für unsere Themen begeistern. Wir haben ein spannendes Programm zusammengestellt. Es lohnt sich auf alle Fälle, dabei zu sein.

erschienen in: FORUM 4/2019, Mitgliedermagazin der Deutschen Krebsgesellschaft